Die fremde Frau - Hans Georg Kinzel

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Die fremde Frau

Geschichten und Anekdoten > Frauen und Männer



Die fremde Frau


Das Auto habe ich erst seit drei Monaten, kann aber schon eine ganze Menge: Starten, Wischer bedienen und Licht einschalten. Und seit einer Kiste mit durchweichten Büchern weiß ich auch, dass man vor der Einfahrt in die Waschanlage den Kofferraum abschließen muss, weil er so bedienfreundlich ist, dass er schon beim ersten Wasserstrahl bereitwillig aufspringt.

Gipfel des Luxus: Ich habe ein GPS-Navigationssystem und kann mich nie wieder verirren.

Das heißt nicht unbedingt, dass ich das gewünschte Ziel erreiche.

Aber ich bin nie mehr allein unterwegs, sondern stets in der Obhut einer zärtlich-strengen Frauenstimme, die "Jetzt rechts abbiegen!" verlangt, auch wenn sich dort die Nordsee befindet.

Ein tolles Gefühl, wenn man in meinem Alter noch von unbekannten Frauen zu Dummheiten verleitet wird.

Zwischen mir und dem technischen Paradies steht leider ein Hindernis: Die Gebrauchsanleitung. Sie ist meist größer und schwerer als das Gerät, zu dem sie gehört, und hat mir noch jeden Spaß verdorben: Am Computer, am Handy und neulich sogar an einem Dampfbügeleisen.

Das Problem besteht darin, dass die Technik so viel kann, was sich gar nicht beschreiben lässt. Leider versuchen es die Hersteller trotzdem. Ich habe das GPS-Handbuch gleich wieder zugeklappt und ins Regal zu den anderen unverständlichen Büchern gelegt, gleich neben den neuen Roman von Peter Handke.

Der größte Fehler, den man mit dem GPS-System begehen kann, besteht darin, es auf vertrauten Strecken einzusetzen.

Denn die Satelliten im All, die den Navigationsrechner steuern, halten meinen Weg nach Köln, wie ich ihn tausend Mal gefahren bin, für zu kurz. Sie möchten ihn verdoppeln und verdreifachen, mir Landschaften zeigen, die ich noch nicht kenne, mich auf Autobahnen schicken, von denen ich noch nicht mal wusste, dass es sie gibt.

Wenn man sich weigert und auf dem gewohnten Weg beharrt, leert sich der Bildschirm und der Lautsprecher verstummt. Man spürt, man hat einen Freund verloren.

"Neuberechnung" erscheint auf dem Display, und die Stimme klingt beleidigt und drohend: "Bitte wenden!"

Sie lässt keinen Zweifel: Wenn man ihr noch mal den Gehorsam versagt, gibt's eins auf die Mütze und drei Punkte in Flensburg.

Ich habe den Widerstand aufgegeben.

Entmündigt und willenlos lasse ich mich fernsteuern und genieße es sogar: Was bedeutet die doppelte Fahrzeit, wenn eine Stimme aus dem All meine Erdenwege leitet?

Außerdem gibt es kurz vor Ende der Reise immer diesen lustvollen Höhepunkt. Da wird die bisher so kühle Kommandostimme laut und hastig, fast heiser vor Erregung: "Wir nähern uns dem Ziel! Wir nähern uns dem Ziel!" gurrt sie.

Auch das hört man in meinem Alter von Frauen nicht mehr allzu oft.

(Quelle: Herbert Feuerstein, prisma 11/2002)

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